Schulmilchreport: Im Kakao-Sumpf

NRW fördert gezuckerten Kakao als Schulmilch

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat die steuerfinanzierte Förderung von Kakao als Schulmilch kritisiert. Der nordrhein-westfälischen Landesregierung wirft sie eine „Absatzförderung zu Lasten der Kindergesundheit“ vor.

Der Schulmilchreport (Bild: Foodwatch)

Die EU möchte den Anteil übergewichtiger und fettleibiger Kinder in ihren Staaten verringern und fördert seit Jahrzehnten den Verkauf von Milch an Schulkinder. Nicht gefördert werden gezuckerte Milchgetränke, wie Kakao, Erdbeer-, Vanille- oder Karamellmilch, da der darin enthaltene Zucker Übergewicht und Karies fördern kann.

Ausnahmeregelung erlaubt Förderung

Auch die Bundesrepublik hat sich die Zuckerreduktion zum politischen Ziel gesetzt. Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen verfolgt offenbar andere Ziele – sie hält entgegen den Vorgaben des EU-Programms an der steuerlichen Förderung auch von gezuckertem Kakao fest. NRW hat dafür extra eine Ausnahmeregelung geschaffen. Die Landesregierung beauftragt Lobbyisten, Werbung an Schulen zu machen und stattet sie dafür mit Steuergeldern aus.

Foodwatch hat in ihrem Schulmilchreport „Im Kakao-Sumpf: Von gekauften Studien bis zur wundersamen Partnerschaft von Milchwirtschaft und Politik" auf mehr als 80 Seiten jahrzehntelange Verflechtungen zwischen Milchwirtschaft, Wissenschaftlern und Politik aufgedeckt. Die Verbraucherorganisation stellt am Beispiel Nordrhein-Westfalens dar, wie das Schulmilchprogramm alles einem Ziel unterordnet: der Förderung des Milchabsatzes.

Der foodwatch-Report geht der Frage nach, weshalb eine Landesregierung in ihrem Schulmilchprogramm weiterhin gezuckerten Kakao steuerlich fördert - obwohl Kinderärzte, Zahnmediziner und Ernährungsexperten das Gegenteil fordern.

Laut Foodwatch hat die Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW den offiziellen Auftrag der Landesregierung, "Werbung zur Erhöhung des Verbrauchs von Milch" zu machen - "insbesondere" auch durch "Förderung des Schulmilchabsatzes". Grundlage dafür ist ein Erlass des Landesumweltministeriums auf Basis eines Bundesgesetzes aus der Nachkriegszeit, als die Milchwirtschaft gefördert und Kinder gepäppelt werden sollten.

Lobbyisten werben an Schulen

Rund 350.000 Euro bezahlt das Land der Milchlobby jährlich, um Unterrichtseinheiten und Lehrmaterialien zu gestalten, Marketingveranstaltungen in den Schulen durchzuführen und mit einem "Schulmilchteam" das Schulmilchprogramm zu bewerben. Das im Gegenzug für die EU-Zuschüsse für Schulmilchprodukte geforderte pädagogische "Begleitprogramm" wird praktisch vollständig von der Milchwirtschaft durchgeführt - was das Land erheblich billiger kommt als ein neutrales, interessenunabhängiges Programm zur Ernährungsbildung.

Das Land NRW verweist bei gesundheitlichen Fragen zum Beispiel zum Zuckergehalt auf interessengeleitete Informationen der Landesvereinigung der Milchwirtschaft. Bis vor wenigen Jahren war der Lobbyverband im Impressum der offiziellen Schulmilchseite des Umweltministeriums sogar ganz unverblümt als verantwortlich für die "inhaltliche Betreuung" aufgeführt. Interne Protokolle von Treffen zwischen Ministerium und Milchlobby, die foodwatch über das Informationsfreiheitsgesetz erhalten hat, belegen, dass es auch bei der aktuellen Website eine enge Abstimmung gab. Zudem finden sich wortgleiche Passagen in Landespublikationen und auf PR-Seiten des Milchverbandes - in denen zum Beispiel erklärt wird, weshalb der Zucker in den Milchprodukten kein Problem sein soll.

Mehr als sieben Stück Würfelzucker im Kakao

Der Kakao ist ausschlaggebend für die Gewinne der Schulmilchlieferanten. Offiziell hat das Land noch keine Zahlen für Schulen veröffentlicht. Die Protokolle der Treffen zwischen dem Landesumweltministerium und der Milchwirtschaft weisen jedoch darauf hin, dass zuletzt 80 bis 90 Prozent der an den Schulen verkauften Trinkpäckchen gezuckerte Milchprodukte waren.

Sollte Kakao nicht länger gefördert werden, so drohen Lieferanten wie Landliebe mit einem Stopp der Schulmilchlieferung. Der Landliebe Schulmilch-Kakao weist einen Zuckergehalt von 8,7 Prozent auf. Damit bewegt er sich fast auf dem Niveau von Fanta. Viele Schulkinder nehmen über die 250-Milliliter-großen - mit Steuergeldern subventionierten - Kakao-Trinkpäckchen jeden Tag mehr als sieben Stück Würfelzucker zu sich.

Dubiose Forschungsergebnisse in Werbekampagnen genutzt

Mit dubiosen Studien gibt die Milchwirtschaft vor, positive Effekte von gezuckertem Kakao für die "geistige Leistungsfähigkeit" und die Zahngesundheit belegen zu können. Tatsächlich halten diese Studien - größtenteils Auftragsarbeiten für die Milchwirtschaft, die auf drei untereinander eng vernetzte Forscher zurückgehen - einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Sie arbeiten mit winzigen Probandenzahlen, stellen Ergebnisse grafisch verzerrt dar oder vergleichen beispielsweise die Konzentrationsfähigkeit von Schülern nach dem Kakaokonsum gegenüber Schülern mit gänzlich nüchternem Magen.

Darüber hinaus wird behauptet, Kakao könne die Intelligenz der Kinder um "7 IQ-Punkte" steigern, für bessere PISA-Test-Ergebnisse und bessere Schulnoten sorgen. Landliebe nutzt die "Forschungsergebnisse" offensiv für sein Marketing und behauptet, Kakao steigere nicht nur die "Intelligenz und Konzentration", sondern verursache zum Frühstück "weniger Karies als Wasser". Auch in einer Elternbroschüre wirbt Landliebe für den Kakao auf Basis der Studienergebnisse. Das Land Brandenburg hat gegenüber foodwatch angegeben, auch auf Basis dieser Kakao-Studien an der Förderung der gezuckerten Milchprodukte festzuhalten.

 

Bilder im Text: Foodwatch