Übereilte Einführung

Schulessen-Gesetz: Überforderungschaos befürchtet

Das geplante kostenlose Mittagessen an Berliner Schulen sorgt für eine kontroverse Debatte. Verbände und Gewerkschafter warnen vor einer Überforderung der Horte.

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Das Berliner Bündnis Qualität im Ganztag fordert in einem offenen Brief an die Fraktionsvorsitzenden von Rot-Rot-Grün eine Abkehr vom Plan, bereits zum Sommer allen rund 175.000 Grundschülern das Essen entgeltfrei anzubieten.

Kapazitäten der Mensen reichen nicht aus

Nach Ansicht des Bündnisses sei die Einführung weder räumlich noch personell zu schaffen. Auf die Schulen kämen durch die Kostenfreiheit „im Hauruckverfahren mehrere zehntausend zusätzliche Mittagesser“ zu. Das Angebot solle daher sukzessive erfolgen. Um mehr Kinder als bisher zu beköstigen, reicht in vielen Grundschulen der Platz nicht aus. Die Schulen wissen nicht, wie sie bis zum Sommer die Hort- und Kantinenräume entsprechend ausbauen sollen.

Ab August entfallen zudem die Hortgebühren bis zur 3. Klasse, ohne dass Eltern den Bedarf nachweisen müssen. Auch dies wird den Platzbedarf und die Essensnachfrage steigern. Im Februar teilte die Bildungsverwaltung mit, dass man mit rund 9.100 zusätzlichen Hortkindern in Klasse 1 und 2 rechnet.

Einige Schulen verkündeten, dass sie aufgrund des Platzmangels, ihre Mittagessenszeit in den Vormittag ausdehnen müssten, um alle Kinder nach und nach in den kleinen Kantinen versorgen zu können. Die eh schon knappen Erzieher, die das Mittagessen betreuen müssen, würden folglich anderweitig fehlen. Dehnt man die Essenszeit aus, so verlagert sich mancherorts der Unterricht in den Nachmittag.

Stufenweise Einführung und Einbeziehung der Betroffenen gefordert

„Kostenfreies Mittagessen für alle Grundschulkinder: Ja! Eine übereilte Einführung ohne die Beteiligung der Betroffenen: Nein“, lautet deshalb der Appell des Bündnisses. Es handele sich um einen „weiteren Beschluss der Koalition zur Kostenfreiheit der Ganztagsbetreuung, ohne gleichzeitig Investitionen in die Betreuungsqualität vorzunehmen“.

Das Berliner Bündnis Qualität im Ganztag befürwortet einen stufenweisen Übergang zum kostenlosen Mittagessen in Klasse 1 und 2 – parallel zur dortigen Einführung der beitragsfreien Betreuung. Darüber hinaus müssten die Verantwortlichen vor Ort einbezogen werden. Auch die „räumlichen und personellen Mindeststandards“ seien zu sichern.

Innerhalb der Öffnungszeiten der Schulhorte sei mehr Personal am Vormittag und am Nachmittag unverzichtbar. Man rechnete mit einem Bedarf von rund 225 Erziehern. Dies geht aus einer Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Anfrage der Grünen vergangenes Jahr nach den Konsequenzen des freien Hortzugangs hervor.

Im Hinblick auf die Betreuung am Nachmittag könne die Nachfrage von 78 Prozent künftig möglicherweise auf 95 Prozent der Eltern steigen. Die Essensnachfrage würde dadurch automatisch hochgetrieben.